Kunstführer Welterbe Zollverein in Essen



Welterbe Zollverein in Essen 

Kunstführer, 2., überarb. Auflage 2010 

Aufgabe: Text- und Bildredaktion 

Umfang: 40 Seiten 

Auftraggeber: Deutscher Kunstverlag GmbH, München/Berlin 

Gestaltung: Deutscher Kunstverlag GmbH, München/Berlin

Textauszug:

 

Einmaliges Zeugnis der Schwerindustrie und international ausstrahlender Standort für Kreativwirtschaft 

Zollverein steht einst wie heute für Superlative. War die noch immer als "schönste Zeche der Welt" geltende Anlage in Spitzenzeiten das größte, modernste und leistungsstärkste Steinkohlenbergwerk Europas, präsentiert sich Zollverein heute als kultureller Schmelztiegel und Symbol für den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Sein markantes Doppelbockfördergerüst ist das Wahrzeichen einer ganzen Region und steht gleichermaßen für deren besondere Geschichte wie für den Aufbruch in eine neue Zeit unter den Vorzeichen von Kultur und innovativen Dienstleistungen. 

Wo täglich viele Tausende Tonnen Kohle gefördert, weiterverarbeitet und verladen wurden, ist seit den 1990er Jahren ein höchst vielseitiger und lebendiger Standort für Kunst, Design und Kreativwirtschaft entstanden. Millionen Besucher aus der ganzen Welt lassen sich jährlich von der einzigartigen Atmosphäre und Architektur des ehemaligen Industriegiganten im Essener Norden in Bann ziehen; sie lernen die besondere Geschichte der vom Bergbau geprägten Region hautnah im neuen Ruhr Museum oder auf dem faszinierenden, multimedial bespielten Denkmalpfad kennen und erleben Ausstellungen aktuellen Designs und verschiedener Künste, zeitgenössisches Tanztheater oder Konzerte weltbekannter Interpreten. 

Mit der Ernennung der Zollverein-Schachtanlagen 1/2/8 und 12 sowie der Kokerei zum UNESCO-Welterbe im Dezember 2001 erfährt das Industrieensemble, das einst für die Montanindustrie Europas von großer Bedeutung war und es für die Menschen der Region sowie die Baukunst der Moderne heute noch immer ist, eine weltweit beachtete Würdigung. Als einziges in seinem funktionalen Zusammenschluss vollständig erhaltenes Industrieensemble Deutschlands reiht sich Zollverein in die Liste der von "außergewöhnlichem Wert" gekennzeichneten und für die Nachwelt zu schützenden Kultur- und Naturerbestätten der Menschheit ein und steht damit auf gleicher Stufe mit dem Taj Mahal oder den Jahrtausende alten ägyptischen Pyramiden. 

Der Ritterschlag durch die UNESCO verpflichtete aber auch dazu, die Zukunft des bedeutenden Zollverienareals zu sichern und es mit einem wegweisenden Profil weiterzuentwickeln. In verschiedenen Bauphasen wurde das rund 100 Hektar große Gelände seit der Stilllegung am 23. Dezember 1986 (Zeche) bzw. am 30. Juni 1993 (Kokerei) nach den Kriterien des Denkmalschutzes saniert und für die neue Nutzung zugänglich gemacht. Im Zuge der Aufnahme Zollvereins in die Liste der UNESCO-Welterbestätten kam zudem der Masterplan des renommierten Pritzker-Preisträgers Rem Koolhaas und seines Rotterdamer Büros OMA zum Tragen, der als städtebauliches Gesamtkonzept sowohl die baulich-architektonische wie auch die inhaltlich-strategische Weiterentwicklung Zollvereins umfasste. Neben der gesamten Umfeldgestaltung zählen zu den neuen Baumaßnahmen insbesondere das von dem gleichnamigen japanischen Architekturbüro entworfene SANAA-Gebäude und das Ruhr Museum als Gedächtnis und Schaufenster der Metropole Ruhr in der ehemaligen Kohlenwäsche. Sie spiegeln den Charakter und die Bestimmung des Standortes wider und ergänzen die hauptsächlich von Fritz Schupp und Martin Kremmer entworfenen Gebäudekuben um Architekturen der heutigen Avantgarde. Inhaltlich sah der Masterplan vor, Zollverein als Wirtschaftsstandort weiter auszubauen und neben der kulturellen Bespielung auch mit der Ansiedlung neuer Unternehmen aus der Kreativbranche zu beleben.

 

Anfang einer großen Geschichte 

Die Geschichte der Essener Zeche Zollverein fällt mit der Hochphase der Industrialisierung im Ruhrgebiet zusammen. Rund 140 Jahre lang, zwischen 1851 und 1986, wurde aus dem 13 qkm großen Grubenfeld Zollverein Kohle gefördert und ab 1857 in den benachbarten Kokereien weiterverarbeitet. Verteilt über die im Nordosten von Essen gelegenen Stadtteile Katernberg, Stoppenberg und Schonnebeck, wurden während dieser Zeit die fünf in dieser Reihenfolge entstandenen Schachtanlagen 1/2/8, 3/7/10, 4/5/11, 6/9 und 12 errichtet. 

"Zollverein" wurde 1847 von dem aus Duisburg-Ruhrort stammenden Kaufmann und Industriellen Franz Haniel (1779-1868) gegründet. In dem selben Jahr, in dem er sich die Anteile an dem Grubenfeld Zollverein sicherte, eröffnete die Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft ihre erste Eisenbahlinie in der Region. Dass ihre Streckenführung das Grubenfeld Zollverein durchquerte, war für Haniel ausschlaggebend, im Essener Norden aktiv zu werden. Denn dass in dieser Region große Kohlenvorräte lagerten, hatten zahlreiche Bohrungen nachgewiesen. Die Trassen der Köln-Mindener Eisenbahn ermöglichten obendrein den schnellen, unkomplizierten Weitertransport der Kohle in die benachbarten Kokereien und Hüttenwerke, sodass die Lage des Grubenfeldes Zollverein ideale Voraussetzungen für diese Investition boten. 

Auf die Standardisierung des deutschen Zollwesens bauend, gab Haniel dem Bergwerk den Namen "Zollverein". Im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten war Deutschland zu jener Zeit in zahlreiche selbständige Fürstentümer zersplittert und kannte deshalb weder einheitliche Maße, Gewichte noch Zoll- und Mautgebühren. Erst der 1834 in Kraft getretene "Deutsche Zoll- und Handelsverein" konnte ein einheitliches Maß-, Münz- und Gewichtssystem durchsetzen, das fortan nicht mehr von innerdeutschen Zollschranken behindert wurde. 

(...) 

 

Zollverein 12 - eine technische Höchstleistung 

Schon Anfang der 1920er Jahre war erkennbar, dass die vier Zollvereinschachtanlagen ihre bisherige Förderkapazität nicht weiter steigern und den modernen technischen Standards nicht mehr genügen würden. Anstatt diese älteren Fördereinrichtungen auszubauen, entschieden sich die Vereinigten Stahlwerke für eine Großinvestition: den Bau einer komplett neuen Zentralschachtanlage, einer Verbundanlage bisher nicht gekannten Ausmaßes.

Ihrer Bestimmung nach sollte diese neue Anlage die gesamte Förderleistung der alten Zollvereinschächte von rund 8000 Tonnen täglich nicht nur übernehmen, sondern mit 12000 Tonnen Tagesförderung noch erheblich übertreffen. Um diese Vorgaben und damit die vierfache Menge eines durchschnittlichen Bergwerks zu erfüllen, waren technische Sonderleistungen gefordert, die alle bisherigen Dimensionen sprengen sollten. Das 55 Meter hohe Fördergerüst war als Doppelbockfördergerüst für eine Doppelförderung angelegt, und zur schnelleren Beladung der mit vier Etagen ausgestatteten Fördergestelle waren am Füllort und in der Hängebank zwei Beschickungsbühnen übereinander angeordnet. Die Fördergestelle brauchten dadurch zur Be- und Entladung der Wagen nur einmal umgesetzt zu werden, und die Elektrofördermaschinen konnten eine Nutzlast von 11,2 Tonnen in einer Geschwindigkeit von 17 m/s heben. Das bedeutet, dass das "schwarze Gold" in nahezu 60 Sekunden aus zunächst 610 Metern Tiefe zutage gefördert werden konnte. 

Bei ihrer Fertigstellung im Jahr 1932 repräsentierte die Schachtanlage Zollverein 12 den Höchststand der damaligen technischen Leistungen und Möglichkeiten. Den Leitgedanken der Moderne folgend, wurden die Maximen der Rationalisierung beispielhaft umgesetzt und realisiert - mit den Konsequenzen, dass die Produktionsabläufe einerseits optimiert und die höchstmögliche Beschleunigung zu den geringstmöglichen Produktionskosten erreicht wurden, dadurch andererseits aber 500 Bergleute eingespart wurden und ihren Arbeitsplatz verloren.

Mit dem neuen Zentralschacht 12 erreichte der Entwicklungsprozess der Zeche Zollverein seinen Höhepunkt. Zeugnishaft dokumentiert die Anlage die Rationalisierungsbestrebungen der deutschen Industrie ebenso wie die technische Leistungskraft und die ästhetischen Leitbilder jener fortschrittsbejahenden 1920er Jahre. Kaum fertiggestellt, wurde Zollverein 12 zur Pilgerstätte für Architekten und Ingenieure - ein wegweisendes Exempel der modernen Bergbau- und Industriearchitektur.

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